Städtereise nach Lissabon

7. August 2012 | Von | Kategorie: Portugal, Urlaubsgeschichten
Lissabon (© InterDomizil GmbH)

Lissabon (© InterDomizil GmbH)

Es ist Mitte Mai 2012 und wir haben Glück mit Flugzeiten und Wetter.  Wir konnten bereits gegen 10:30 Uhr Ortszeit in unserer gebuchten Ferienwohnung im Stadtteil Baixa einchecken und erkunden den Stadtteil Baixa nach einer netten Einführung durch die Vermieterin.
Bei der nahe gelegenen Metro Station haben wir uns ein elektronisches Ticket gekauft, dass wir aufladen können und mit dem wir dann unproblematisch das gut ausgebaute öffentlichen Verkehrsnetz nutzen können.
Zunächst fahren wir mit der historischen Straßenbahn mit der Linie 28 bis zur Endstation noch oberhalb des Castallo S. Jorge. Die Fahrt an sich ist ein Erlebnis: die Bahn ächzt und quietscht und zeugt von vergangenen Zeiten – elektrische Straßenbeleuchtung gab es früh in Paris und Portugal, eine elektrische Straßenbahn gehörte hier zum Stolz der Stadt.

In der Nähe der Endstation finden wir einen wunderbaren Aussichtspunkt, von dem aus sich ein grandioser Blick über die Stadt bis zum Tejo und seiner an die Golden Gate Bridge erinnernde Anbindung an die andere Uferseite des Tejo bietet.

Jetzt schlendern wir von diesem Punkt aus in Richtung Tejo durch die Alfama, den histoischen Stadtkern, der sich am Fuße des Castells mit vielen Treppen verbunden um die schützende Burganlage schlängelt.

Immer wieder genießen wir einladende Plätze, mit alten Bäumen beschattet und tollen Aussichten auf die Stadt. Die Alfama ist lebendig, frisch gewaschene Wäsche in den schmalen Häuserschluchten baumeln neben chaotisch anmutenden Elektroinstallationen. Es ist nicht jeder Fleck touristisch, die Bewohner unterhalten sich von Haus zu Haus und es hat den Anschein, das eher die Touristen die exostische Beigabe sind, die sich aus den Häusern gut beobachten lassen.

Vergangene Zeiten – das ist immer wieder ein Thema, ein Motiv, ein Lebensgefühl. An die Alfama grenzt Moura, ein Stadtteil, in  den die Mauren nach der Rückeroberung Lissabons durch die christlichen Heere verbannt wurden. Die Mauren aus Nordafrika brachten nautische Kenntnisse in die Kultur ein, ohne die das goldene Zeitalter Portugals der Entdeckungen, Eroberungen und Ausbeutung von Kolonien vielleicht hätte so nicht stattfinden können.

Vergangene Zeiten – da gibt es 1755 ein ungeheures Erdbeben mit einer anschließenden riesigen Tsunami Welle, die 2/3 des Lissaboner Stadtgebietes zerstört. Eine Zäsur, die bei den europäischen Philosophen die Strömung der Aufklärung beflügelt. In seiner Dimension ist das Ereignis vielleicht vergleichbar mit dem Tsunami in Japan, der das Ende der Atomkraft und der technischen Fortschrittsfrömmigkeit besiegelt.

Vergangene Zeiten – die schwingen auch beim Fado mit, jener portugiesischer Folklore, bei der selbst wir nicht der portugiesischen Sprache mächtigen Touristen die Gefühle der Trauer und Wehmut und der Erinnerung an vergangene Zeiten erahnen können.

Am Abend unseres ersten Urlaubstages haben wir die Chance, uns in eine Fado Kneipe einzunisten, was nicht so einfach war.  Zunächst einmal folgen wir dem Rat unserer Gastgeberin, die uns die Fado Veranstaltungsstrukturen erläutert:
„Es gibt Fado Gaststätten mit gutem Essen, aber schlechtem Fado oder mit ungeniesbarem Essen aber gutem Fado. Dann gibt es noch einige Kneipen, bei denen man kein Essen bestellen muss, es kann auch passieren, dass ein Nachbar seinen Fado singt, das klingt dann nicht immer unbedingt professionell. Aber hier kann man am Ehesten authentischen Fado erleben.“ Wir lassen uns diese Adresse geben und gehen nach dem Essen in diese Kneipe.

Die Kellnerin ist nicht begeistert über unser Erscheinen. Es sind überwiegend Portugiesen hier. Wir bleiben aber stur und mogeln uns an einen halb freien Tisch. „Nur bis 23:30 Uhr, danach ist reserviert.“  Wir sind froh über diese befristete Duldung. Dann wechseln die weiteren Gäste an unserem Tisch und wir kommen ins Gespräch mit Daniela, einer jungen Frau, die zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Oma hier auf die Fado Künstler schon ganz gespannt wartet.

Daniela wohnt ursprünglich in Sao Paulo in Brasilien. Ihre Oma wirkt etwas schwermütig, ist aber begeistert von deutschen Familientherapeuten, mit deren Theorien sie sich beschäftigt hat. Daniela studiert jetzt in Portugal. Sie erzählt von Portugal und Brasilien in einem Atemzug.
Ja, Lissabon ist eine beschauliche Metropole mit Bezügen zu vielen Kontinenten, nach Brasilien, nach Angola. Nach der späten Entlassung der ehemaligen Kolonien in ihre Selbständigkeit sind viele Afrikaner in Portugal eingereist. Und es geht auch anders herum: ich erinnere mich an eine Zeitungsmeldung, die von einer Migration junger gut ausgebildeter Portugiesen nach Angola berichtet, da die jungen Menschen dort bessere berufliche Möglichkeiten haben.
Wieder zurück zu unserem mehrgenerationen Fado Tisch. Zu uns hat sich ein älterer Herr gesellt, wie sich herausstellt, ist er 84 Jahre alt und er kommt schnell ins Gespräch mit der Oma von Daniela. Er verteilt Autogramme auf Fotoaufnahmen von ihm, die ihn als Fado Sänger ausweisen.
Im überwiegend portugiesischem Publikum befinden sich viele ältere aber gut aussehende Frauen. Übrigens undenkbar, dass ich je mit meiner Oma und meiner Mutter in ein Lokal gegangen wäre, um gemeinsam mich an Folklore zu erfreuen.

Gegen 22:00 Uhr hat der erste Fado Sänger begleitet von 2 jüngeren Gitarristen seinen beeindruckenden Auftritt. Er singt Standards, die wir Nordeuropäer nicht als solche erkennen. Der Applaus nach jeder Darbietung ist riesig, ergiffen von der Performance, dem Zusammentreffen der vielen Generationen und auch dem Respekt der jüngeren gegenüber den 65 bis 85 jährigen Künstlern sind wir sehr glücklich, an dieser Situation teilnehmen zu dürfen.
Inzwischen sind wir am Tisch akzeptiert und unsere befristete Duldung wird in eine Aufenthaltserlaubnis für den Abend erweitert. Wir genießen die nächste Interpretin, die mit ihren 75 Jahren die kleine Kneipe zum Kochen bringt.

 

Wir sind überwältigt von diesem Abend und haben nun ein ganz anderes Bild vom Fado. Es ist nicht nur rückwärtsgewand und sentimental, nein, es ist auch die pure Lebensfreude, die jung und alt in einer ganz eigenen Art verbindet.

Zum Glück haben wir eine eine schöne Ferienwohnung in Lissabon auf der Seite von InterDomizil und ferien-privat gebucht, in die wir uns gegen  0:30 Uhr zurück ziehen.
Wir freuen uns bereits auf den morgigen Tag mit weiteren Entdeckungen in Lissabon.

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